Bild: Bewässerung im Hochsommer; Quelle: Magda Ehlers, Pexels
Ein Sommer, der nicht abreißt
Die Messstellen Krems und Langenlois zählen zu jenen Orten, für die GeoSphere Austria seit dem 18. Juli und mindestens bis Mitte August eine durchgehende Hitzewelle auswies. Am 4. und 5. August fiel der österreichische Allzeitrekord zweimal hintereinander, in Bad Deutsch-Altenburg auf 41,2 Grad. Die 40-Grad-Marke wurde heuer in allen drei Sommermonaten erreicht.
Für Betriebe in der Region wird daraus eine Planungsfrage. Baustelle, Lager, Küche und Weingarten lassen sich bei 38 Grad nicht so einteilen wie bei 28. Wer im Sommer produziert, liefert oder betreut, verschiebt Arbeitszeiten, Pausen und Lieferfenster.
Die Karte zeigt, wen es trifft
Der Complexity Science Hub in Wien berechnet für Gemeinden und Bezirke einen Hitzebelastungswert. Eingerechnet werden die Zahl der Hitzetage, die Tropennächte und der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre. Aus einer Temperaturmessung wird so eine Gesundheitsfrage. Bis zum 1. August erreichten 373 Gemeinden und 22 Bezirke den Wert sehr hoch, 145 dieser Gemeinden liegen in Niederösterreich, das ist etwa ein Viertel des Bundeslandes. Nachsehen können Sie den Wert Ihrer Gemeinde in der interaktiven Hitzekarte.
Was daran hängt, macht eine zweite Zahl deutlich. Jeder zusätzliche Hitzetag hat die Sterblichkeit in den österreichischen Bezirken zwischen 2015 und 2022 um 2,4 Prozent pro 1.000 Einwohner erhöht. Ist jede vierte Person im Bezirk älter als 65 Jahre, verdoppelt sich dieser Effekt, wie Hannah Schuster vom Complexity Science Hub erläutert.
Bild: Hitzebelastungsindex der Gemeinden in Österreich, Jänner bis Juli 2026. Quelle: Complexity Science Hub Vienna
Bild: Hitzebelastungsindex der Gemeinden in Niederösterreich, Jänner bis Juli 2026. Quelle: Complexity Science Hub Vienna
Bekannt ist das Risiko, die Vorsorge fehlt
Am Department of Health Sciences des IMC Krems untersuchen die Pflegewissenschaftlerin Jette Lange und die Soziologin Jacqueline Ludwig, wie Menschen in der häuslichen Pflege mit hohen Temperaturen umgehen. Geführt wurden 35 Interviews mit pflegenden Angehörigen und 24-Stunden-Betreuungskräften, dazu kam eine österreichweite Befragung von 148 Personen. Den Befragten sind die gesundheitlichen Risiken bewusst, im Pflegealltag entstehen daraus selten konkrete Vorkehrungen. Reagiert wird häufig erst, wenn die Temperaturen schon sehr hoch liegen.Die eigene Gesundheit rutscht bei diesen Personen ans Ende der Prioritätenliste, der Blick richtet sich auf die betreute Person.
Eine App im Testbetrieb, entwickelt von People X und am IMC Krems wissenschaftlich begleitet, richtet sich an diese Gruppe. Sie schickt bei Hitzewarnungen Push-Nachrichten, liefert Checklisten und Hinweise zur Selbstfürsorge, und das in mehreren Sprachen. Der letzte Punkt entscheidet über die Reichweite, weil in der 24-Stunden-Betreuung viele Menschen arbeiten, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Die Ergebnisse fließen in das Folgeprojekt KreTra ein, das Vorsorge früher im Pflegealltag verankern soll.
Üben, bevor es 38 Grad hat
Einen zweiten Zugang verfolgt das Projekt GreenTouch, an dem das IMC Krems gemeinsam mit dem Institut für Höhere Studien, dem AIT, der USTP St. Pölten und zwei Unternehmen arbeitet. Entwickelt wurden Szenarien für Virtual Reality, die typische Situationen einer Hitzeperiode nachbilden. Richtig lüften, den Tag neu einteilen, die Wohnung mit einfachen Mitteln kühl halten. In der Ergotherapie führen Klientinnen und Klienten diese Schritte in der Simulation selbst durch, statt sie im Gespräch zu planen.
Die Projektbeschreibung begründet den technischen Aufwand mit der Wirkung von Immersion, weil emotionale Reaktionen Verhaltensänderungen wahrscheinlicher machen. Laut Projektleiterin Christine Spevak-Grossi verstärkt Hitzebelastung bei den Klientinnen und Klienten Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Schmerzen. Ergänzend entstand ein Kartenset auf Papier, das Maßnahmen nach Kühlwirkung, Klimafreundlichkeit, Aufwand und Kosten bewertet, damit die Inhalte auch ohne Brille und Rechner nutzbar bleiben. Im Studiengang Ergotherapie am IMC Krems kommen die Szenarien bereits in der Lehre zum Einsatz.
Bild: Jette Lange (links) und Jacqueline Ludwig (rechts) vom IMC Krems mit der App, die pflegende Angehörige und 24-Stunden-Betreuende bei Hitzewarnungen unterstützt. Quelle: IMC Krems
Was Betriebe daraus mitnehmen
Drei Punkte lassen sich auf den Arbeitsalltag übertragen. Eine Hitzewarnung braucht eine festgelegte Anschlusshandlung, sonst gehen die kühlen Morgenstunden im Entscheiden verloren. Sicherheitshinweise wirken dort, wo sie alle im Team sprachlich erfassen. Und ein günstiger Temperatursensor in Lager oder Werkstatt zeigt schwarz auf weiß, wann es drinnen heißer ist als im Freien. Ansprechperson für das Forschungsprojekt ist Jette Lange (jette.lange@imc.ac.at).